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Will ich das, was ich tue gerade wirklich?

Unsere Welt befindet sich im Wandel, Arbeits- und Lebenswelten verändern sich durch Digitalisierung und Technologisierung. Neben zahlreichen Chancen und Möglichkeiten bringt dieses auch so manche Herausforderung mit sich.

Viele meiner Webinar-Teilnehmenden oder Coachees freuen sich über das flexible Arbeiten, spüren aber auch, dass es für sie nicht immer leicht ist, die eigenen Grenzen zu wahren. Vor allem dann, wenn sie keiner sozialen Kontrolle, wie z.B. in einer Bürogemeinschaft, unterliegen. Wir sind plötzlich komplett für uns selbst verantwortlich. Man könnte meinen, das ist großartig. Liegt die Ausgestaltung unserer Arbeitstage und auch die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben nun mehr in unserer Hand.

Aber was ist mit denjenigen unter uns, die eine hohe Leistungsbereitschaft in sich tragen und in denen vielleicht sogar die innere Prägung vorherrscht: “Leistung vor Gesundheit”? Ich sehe die mentale Balance und damit die mentale Gesundheit dieser Personen noch stärker gefährdet als bisher.

Auch hier sind die betroffenen Personen auf sich gestellt. Ihre erste Aufgabe ist erst einmal zu erkennen, welche Muster sie in sich tragen und dass diese auf Dauer nicht gesund sind. Oftmals tragen Personen mit einem hohen Leistungsmotiv auch die Werte Zuverlässigkeit und Loyalität in sich. So mag vielleicht der Gedanke hier helfen, dass niemandem dabei auf lange Sicht geholfen ist, wenn man dauerhaft die eigenen Grenzen überschreitet. Auf Dauer lässt die Produktivität nach, die Kreativität bleibt aus, Reizbarkeit kann zu mehr Konflikten im Team führen. Willst du das wirklich?

Keine Frage, hohes Leistungsstreben, Perfektionismus, Durchhaltevermögen und Engagement sind sehr wertvoll und bringen viel Gutes mit sich. Sie haben uns zu der Person gemacht, die wir heute sind, und treiben uns vermutlich immer wieder zu Höchstleistungen an. Was für ein Geschenk, dass wir von unseren Eltern und unserem sozialen Umfeld so geprägt wurden. Die Frage ist nur, ob neben diesen Werten weitere zum Leben erweckt werden dürfen. Könnte es nicht erstrebenswert sein, die eigene physische und mentale Gesundheit hinzuzunehmen?

 

An dieser Stelle erwähne ich immer gern zwei Fragen, die Gerald Hüther immer mal wieder formuliert, wenn er über das gelingende Leben spricht:

• Was für ein Mensch möchtest du sein?
• Wozu möchtest du das Leben nutzen?

 

Hilfreich ist dazu etwas, was wir im Systemischen Coaching, in der Beratung oder auch Therapie, gern anwenden: die Einladung zum Perspektivwechsel.

Mal angenommen, du setzt Dich in einen Heißluftballon und schaust von oben auf Dich und Dein Leben. Was siehst du? Gefällt Dir, was du siehst? Ist es das Leben, was du möchtest?

 

Soll es wirklich nach dem Muster

"ich darf keine Pause machen"
"ich muss jede Sekunde verfügbarer Zeit nutzen"

ablaufen?

 

Und noch einmal, es geht nicht um die Ablehnung einzelner unserer Persönlichkeitsanteile in uns, die uns nicht gut tun. Der liebevolle Blick auf die Anteile, die Dich herausfordern, begleitet von der Frage, was sie Gutes mit sich bringen, könnte zur Akzeptanz und zur Aussöhnung führen. Zudem der achtsame Blick auf das Hier und Jetzt, denn das Jetzt ist es, was DU beeinflussen kannst.

Herausfordernd ist zudem immer noch, dass Performance, Leistung, Stress sozial immer noch Anerkennung erfahren und wir häufig eher für ein Verhalten wertgeschätzt werden, welches uns nicht gut tut. Wie gut wäre es, wenn wir uns davon lösen können und einen neuen Weg einschlagen. Jede:r von uns prägt durch Verhalten und Kommunikation unsere Gesellschaft und gesellschaftliche Normierungen. Jede:r von uns kann damit einen Unterschied machen und damit Veränderungen möglich machen. Fang am besten gleich damit an und stell Dir immer mal wieder die Frage, ist es das Leben, welches ich aus dem Heißluftballon heraus sehen möchte? Und wenn nicht, dann mach Dich auf den Weg in Richtung einer Veränderung.

 

Bild: Adobe Stock #461401273 © Nuthawut


Sandra Brauer, Diplom-Kauffrau (FH), Systemische Beraterin (DGSF-zertifiziert), Stressmanagement-Trainerin, Prozessbegleiterin in der digitalen Transformation, Lehrauftrag an der FOM Hochschule Hamburg; Gründerin des Systemischen Netzwerks. Schwerpunkte: Coaching von Einzelpersonen und Teams, Vermittlung digitaler Kompetenzen.

https://sandrabrauer.de/
https://systemischesnetzwerk.de/